Die Digitalisierung muss weiblicher werden

Vom 10.03.2017

In der Tech-Branche arbeiten heute immer noch zu wenige Frauen. Das muss sich ändern, denn wir können es uns nicht länger leisten, weibliche Talente in diesem Bereich ungenutzt zu lassen, appelliert ein Experte.

Auch mit anderen Anwendungen als Whatsapp kann das Chatten Spaß machen – vorausgesetzt, man kennt sie. (Foto: Getty Images)

Auch mit anderen Anwendungen als Whatsapp kann das Chatten Spaß machen – vorausgesetzt, man kennt sie. (Foto: Getty Images)

Im Jahre 1872 trafen sich in Weimar die Rektoren der deutschen Mädchenschulen. Sie gingen der Frage nach, ob Frauen zur Schule gehen dürfen. Ihre Antwort: Ja, denn andernfalls drohe „der deutsche Mann (…) durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau am häuslichen Herd gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt“ zu werden.

Die Frage ist aus heutiger Sicht natürlich genauso abenteuerlich wie die Begründung. Mittlerweile bringen Mädchen im Durchschnitt nicht nur die besseren Schulnoten nach Hause. Sie erreichen auch deutlich höhere Abschlüsse als ihre männlichen Klassenkameraden.

Trotz der guten Ausbildung finden immer noch zu wenige Frauen den Weg in die IT. Der Frauenanteil in diesem Bereich lag laut Digitalverband Bitkom im Jahr 2015 bei gerade mal 15 Prozent.

Doch dürfen wir es allein den Männern überlassen, einen immer wichtiger werdenden Bereich wie die künstliche Intelligenz zu prägen? Nein, denn andernfalls hätten wir alle darunter zu leiden: Unternehmen, weil ihnen gut ausgebildete und hochqualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Kunden, weil vielen Produkten im technischen Umfeld der „weibliche Blick“ fehlt. Und natürlich die Frauen selbst, weil sie vieler Chancen beraubt werden.

Wir sollten alles daran gesetzt werden, mehr Frauen für Berufe ums Programmieren zu begeistern. Und die Voraussetzungen dafür sind optimal. Heute sind Frauen in der Wahl ihrer Ausbildung vollkommen frei. Die IT ist eine der attraktivsten Zukunftsbranchen, die zahlreiche Anreize und Vorteile bietet. Und wie in kaum einem anderen Bereich ist es möglich, Familie und Beruf miteinander zu kombinieren.

Frauen haben IT-Geschichte geschrieben

Auch an weiblichen Vorbildern fehlt es nicht. Ein Beispiel ist Ada Lovelace. Nach ihr wurde die erste standardisierte Programmiersprache benannt. 1843 schrieb sie im Alter von 28 Jahren den ersten Algorithmus der Welt. Dank ihr war eine mechanische Rechenmaschine erstmals in der Lage ein Ergebnis zu liefern, das nicht von einem Menschen bereits im Vorfeld errechnet worden wäre.

Oder Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson – spätestens seit dem Kinofilm „Hidden Figures“ sind sie in der Öffentlichkeit bekannt, weil sie in den sechziger Jahren für die USA den Wettlauf ins All entschieden haben.

Diese Frauen haben IT-Geschichte geschrieben und sind gute Beispiele dafür, dass es immer auch Frauen waren, die diesen Bereich geprägt haben.

Die IT hat ein Imageproblem

Es muss also etwas anderes sein, was Frauen von einem Einstieg in die IT-Welt abhält. Möglicherweise sind es die zahlreichen Vorurteile. Viele Mädchen stellen sich unter Programmierern immer noch unfrisierte, kontaktscheue Freaks mit Stapeln von Pizzakartons auf dem Schreibtisch vor.

Der IT-Beruf scheint also ein Imageproblem zu haben. Was möglicherweise damit zu tun hat, dass man IT häufig immer noch isoliert betrachtet. Programmieren wird als separater Bereich gesehen, getrennt von anderen Aufgaben in der Produkt- und Anwendungsentwicklung.

Ganz ähnlich war es früher mit dem Beruf des „Schreibers”, der lange Zeit isoliert betrachtet wurde. Aber er hat sich auch im Laufe der Zeit in seiner Bedeutung mehrfach gewandelt. Das reine Schreiben gehört längst zum Allgemeingut. Aber nicht jeder, der schreibt, ist Schriftsteller oder Journalist.

Die Fähigkeit zum Programmieren muss auch zum Allgemeingut werden, ohne dass jeder gleich ein reiner Programmierer sein muss. Vielmehr geht es um das grundsätzliche Erlernen der Fähigkeit des Programmierens – wie es früher um die grundsätzliche Fähigkeit des Schreibens ging.

In der IT hat sich die Welt und der Bedarf der Gesellschaft in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Viele Produkte, die unser tägliches Leben etwa im Haus oder im Auto begleiten, werden immer „intelligenter”. Ihre Entwickler müssen daher auch programmieren können, und zwar branchen- und berufsübergreifend.

Initiativen alleine reichen nicht

Angesichts dieser Entwicklungen müssen wir das Image der IT dringend verbessern. Der Beruf muss insbesondere für Frauen attraktiver werden. Diese Aufgabe können wir jedoch nicht alleine den zahlreichen wichtigen nationalen und internationalen Initiativen wie „Girls Who Code“, „Komm, mach MINT“ oder dem „Girls Day“ überlassen. Gerade auch Unternehmen und Manager sind in der Pflicht. Denn die Digitalisierung muss dringend weiblicher werden.