Die Zeit der Corporate Monkeys ist vorbei

Vom 03.11.2016

Der Mitarbeiter der Zukunft ist ein Hybrid aus Teamplayer und Einzelkämpfer. Doch wie viel Freiheit verträgt der Corporate Monkey, der ihn führt?

Daimler-Chef Zetsche hat einen Wandel in der Führungskultur des Konzerns angestoßen. (Foto: Getty Images)

Daimler-Chef Zetsche hat einen Wandel in der Führungskultur des Konzerns angestoßen. (Foto: Getty Images)

 

Die Art, wie wir zusammenarbeiten, ist radikal im Wandel. Flachere Hierarchien, viel Selbstbestimmung, hohe Eigenverantwortung. Die Mitarbeiter der Zukunft wollen und dürfen mitgestalten. Sie organisieren sich als Communities – hoch flexibel, ergebnisorientiert und nicht immer ausrechenbar.

Mit Daimler geht nun ein Schwergewicht der deutschen Wirtschaft einen entscheidenden Schritt in diese Richtung: Der Vorstandsvorsitzende in Jeans und Turnschuhen, Dieter Zetsche, hat gerade eine grundlegende Veränderung der Unternehmenskultur bei Daimler eingeläutet. Er wolle mehr Vertrauen in die Mitarbeiter setzen und weniger in Hierarchien, kündigte er an. Das Ziel: die Innovationskraft des Unternehmens zu gewährleisten.

Diese Entwicklung verlangt nach neuen Antworten auf die Frage, wie Teamwork funktioniert. Wenn die Führung eines Unternehmens auf dieser Baustelle den Anschluss verpasst, ist das Fundament für den zukünftigen Erfolg morsch. Führung ist dazu da, die richtigen Menschen an der richtigen Stelle mit der richtigen Herausforderung richtig auf Touren zu bringen.

Gute Führung, gutes Teamwork – diese Gleichung ist ziemlich einfach. Und in Zukunft kriegsentscheidend. Daimler hat das erkannt. Und weitere werden folgen. Von einem wie Dieter Zetsche hat die Ankündigung Symbolcharakter: Die Zeichen der Zeit stehen auf mehr Freiheit für die Mitarbeiter.

Doch da gibt es ein Problem: Nicht jede Führungskraft ist darauf vorbereitet, ihre Mitarbeiter allein laufen und kreativ sein zu lassen.

Welcome to Monkey Business

Die meisten von uns haben Führung nämlich noch anders gelernt – als System von Abhängigkeiten, gesteuert mit dem Werkzeug der Kontrolle. Bei manchen ist dieser Hang ausgeprägter als bei anderen. In jedem Unternehmen gibt es diese ganz spezielle Gattung der Kontrollfreaks: Führungskräfte, die sich pudelwohl fühlen im Zwangskorsett der Abhängigkeiten.

Sie tragen den richtigen Anzug. Sie hangeln sich mehr oder weniger elegant die Karriereleiter hoch. Sie küssen im Vorbeigehen die richtigen Hintern. Sie scheinen immer den richtigen Riecher zu haben, wenn es um ihre Kokosnuss geht – den eigenen Vorteil. Aber eigentlich ist alles, was sie tun und sagen, irrelevant.

Diese Spezies hat einen Namen: Sie sind die Corporate Monkeys, kurz COMOs.

Und wenn wir ehrlich sind: Ein bisschen COMO steckt in jedem von uns. Der COMO in uns ist sozusagen die lahme linke Hand des Leaders in uns. Und er hat es nicht so mit den Freiheiten, auf die es in der Arbeitswelt der Zukunft ankommt. Für ihn ist es nämlich eigentlich ganz gut so, wie es ist.

Achtung, unzufriedene Mitarbeiter!

Eine aktuelle Befragung zeigt, dass beim Thema Teamwork in deutschen Unternehmen durchaus schon einiges in Bewegung ist. Vor allem aber zeigt sie, dass Führung und Mitarbeiter einen sehr unterschiedlichen Eindruck davon haben, wie weit wir auf dem Weg in die Zukunft schon sind. Die größte Gruppe unter den Führungskräften (33 Prozent) ist der Meinung, dass die Zusammenarbeit in ihrem Verantwortungsbereich bereits in Form „agiler Netzwerke“ organisiert sei. Seltsamerweise teilt jedoch nur knapp ein Fünftel der Mitarbeiter diese Ansicht. Viel mehr, nämlich 41 Prozent von ihnen, sind der Ansicht, dass sie noch ganz klassisch Top-Down geführt werden.

Der wahrgenommene Freiheitsgrad unterscheidet sich zwischen Führungskräften und Mitarbeitern also ganz erheblich. Besonders bemerkenswert ist der Zusammenhang zwischen dem Prinzip von Oben und Unten, das dem Monkey Business zugrunde liegt, und der Mitarbeiterzufriedenheit. Ganze 63 Prozent der Mitarbeiter, die sich als unzufrieden bezeichnen, werden den eigenen Angaben nach auf diese Weise geführt.

Der unzufriedene Mitarbeiter sieht also einen COMO. Der COMO schaut in den Spiegel und ist zufrieden. So wird das nichts mit der Zukunft: Wenn Mitarbeiter und Führungskräfte nicht an einem Strang ziehen, spielen unsere Unternehmen bald Champions League vor leeren Rängen.

Das Teamwork der Zukunft 

Der Mitarbeiter, und als sein Vorbild noch mehr die Führungskraft der Zukunft, ist ein Hybrid aus Teamplayer und Einzelkämpfer: kreativ, ermächtigt und gleichzeitig hoch integrativ. Ein Widerspruch, den nur Freiheit als Führungsprinzip auflösen kann: weniger Abhängigkeiten in der Führung, mehr Freiheit für den Einzelnen.

Ich bin der Überzeugung, dass die Formel V4 der Weg in diese Zukunft ist: Vertrauen, Verantwortung, Vorbild, Verpflichtung. Eine Führungskraft, die ihren Mitarbeitern nicht vertraut, hat Mitarbeiter, die sich nichts trauen. Wenn ich will, dass meine Mitarbeiter eigenständig handeln und entscheiden, muss ich als gutes Beispiel vorangehen.

Wenn ich erwarte, dass sie Verantwortung für die gemeinsamen Ziele übernehmen, muss ich mich als verantwortungsbewusster Chef zeigen und mich selbst dem großen Wir verpflichtet fühlen. Die vier V sind die Säulen der Freiheit. Wer sie nicht achtet, wird unter der Freiheit der neuen Arbeitswelt zusammenbrechen.

Der Veränderungsdruck ist riesig. Schließlich wollen wir unsere besten Mitarbeiter nicht an Wettbewerber verlieren, die ihnen die nötigen Freiheiten geben – weil wir es nicht schaffen. Deshalb sollten wir den Zusammenhang zwischen Unzufriedenheit und Führungskultur sehr ernst nehmen. Denn genau die Mitarbeiter, die mehr Freiheiten einfordern, sind diejenigen, die wir in unseren Teams der Zukunft brauchen.

Wer als unfreier Leader versucht, freie Menschen zu führen, der wird scheitern.

Mehr über das Führungsprinzip Freiheit in meinem neuen Buch: Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort.