Kein Stuhl, sondern eine „Sitzmaschine”

Vom 28.02.2017

Don Chadwick, der Erfinder des Bürosessels „Aeron”, über das Sitzen im Büro und die Seele eines Stuhls.

So sieht der neue Aeron-Stuhl aus. (Foto: Aeron Group)

So sieht der neue Aeron-Stuhl aus. (Foto: Aeron Group)

Don Chadwick hat in den 1990er-Jahren gemeinsam mit seinem Kollegen Bill Stumpf einen Arbeitsstuhl entworfen, der bis heute als Design-Ikone gilt. Noch bevor der US-amerikanische Möbelhersteller Herman Miller mit der Produktion des „Aeron“ startete, nahm ihn das Museum of Modern Art in New York in seine ständige Sammlung auf. Nun hat Chadwick den Stuhl überarbeitet. Ein Gespräch über den Wandel in der Sitz-Kultur.

Herr Chadwick, wie hat sich das Arbeitsumfeld aus Ihrer Sicht in den letzten 20 bis 25 Jahren verändert?

Mitarbeiter nutzen zunehmend mobile Geräte wie Smartphones, Tablets und Laptops. Das führt zu einer flexibleren Büroumgebung, in der Angestellte das Wo und das Wie ihrer Arbeit viel freier gestalten können. Die Büros entwickeln sich zu immer dynamischeren Bereichen mit weniger festen Strukturen, sodass die Mitarbeiter sowohl locker zusammenarbeiten, als auch für längere Zeit konzentriert an ihren Schreibtischen sitzen können.

Stuhl-Erfinder Don Chadwick. (Foto: Aeron Group)
Stuhl-Erfinder Don Chadwick. (Foto: Aeron Group)

In welchem Ausmaß wirken sich die Veränderungen auf Büroeinrichtungen aus?
Ich denke, dass der Büromöbelmarkt auf zwei verschiedenen Ebenen reagieren muss: zum einen im Hinblick auf die Planung der Büroflächen und zum anderen in Bezug auf die Veränderung der Arbeitsweise. Heute arbeiten immer mehr Mitarbeiter nicht nur im Büro, sondern auch von zu Hause. Da in den Büros deshalb weniger Schreibtische benötigt werden, sparen die Unternehmen Platz, den sie für Gemeinschafts- und Gruppenarbeitsplätze nutzen können, etwa für Meetingräume.

Arbeit ist kollaborativer geworden. Meinungen und Ideen der Mitarbeiter fließen zusammen. Offene Büroräume sind beliebter geworden. Zudem weiß man heute, dass ein Wechsel aus stehender und sitzender Arbeit die Gesundheit der Mitarbeiter fördert. So haben sich natürlich auch die Möbel weiterentwickelt – hierzu zählen beispielsweise die immer beliebteren höhenverstellbaren Schreibtische, die es den Mitarbeitern ermöglichen, schnell und einfach die Arbeitsposition zu variieren.

Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den Arbeitsumgebungen in den USA und in Europa?

Die Globalisierung hat die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und den USA inzwischen schwinden lassen. Mobile Geräte ermöglichen heute Arbeitsweisen, die alte Typologien und Überzeugungen weit hinter sich lassen. Das Internet, die sozialen Medien, der Film und die Kunst haben viele geografische Barrieren überwunden und auch im Design der Büromöbel eine einheitlichere Sprache geschaffen.

Außerhalb der bedeutenden Gewerbegebiete ist in den USA jedoch deutlich mehr und vor allem auch günstigeres Land vorhanden. Daher ist der Platz in den USA ein weniger wichtiges Kriterium als in Europa. Flexiblere Arbeitsstrategien aufgrund knapper Räumlichkeiten sind dort weniger zu finden.

Wenn man den neuen Aeron betrachtet: Wie sehen die bedeutendsten Veränderungen im Vergleich zur Originalversion von 1994 aus?

Eine bedeutende Errungenschaft des neuen Aeron ist die gewebte Membran in Sitz und Lehne mit unterschiedlicher Spannung über acht Querzonen. Das Material passt sich der Körperform an, ohne einen Hängematteneffekt entstehen zu lassen. Es unterbindet jegliche Druckstellen und optimiert die Belüftung: Im Gegensatz zu gepolsterten Stühlen kann kein Wärmestau entstehen.

Neu ist auch der verbesserte Neigungsmechanismus der neuen Aeron-Generation. Über den gesamten Neigungswinkel hinweg behält der Sitzende die Kontrolle und hält seinen optimalen Gleichgewichtspunkt. Das sorgt für eine ausgewogene Bewegungsruhe und einen problemlosen Wechsel von einer vorgebeugten zu einer aufrechten Position.

Wir haben den Winkel des Rahmens um zwei Grad nach vorn geneigt. So wird der Körper in der aufrechten Position und vielen anderen Sitzhaltungen im Laufe eines Arbeitstages besser gestützt, insbesondere das Kreuzbein am unteren Ende der Wirbelsäule. Die Technik wurde in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Muskel-Skelett-Spezialisten Dr. Brock Walker entwickelt und ahmt eine gesunde Stehposition nach.

Aber in anderen Stühlen können Sie doch auch die Rückenlehne flexibel einstellen. Ist ein Stuhl am Ende nicht einfach nur ein Stuhl?
Ein Stuhl kann tatsächlich „nur“ ein Stuhl sein. Aber er kann auch eine äußerst ausgereifte, ingenieurtechnisch getriebene „Sitzmaschine“ sein. Der Aeron und andere ergonomische Stühle seiner Klasse gleichen anderen leistungsstarken, ergonomischen Instrumenten – ob einem Laufschuh, einem Rennrad oder einem Sportauto. Sie erfüllen weit mehr als nur ihre grundlegenden Funktionen.

Und meiner Ansicht nach geht der Aeron sogar über die Anforderungen einer überaus leistungsstarken Sitzgelegenheit mit optimalen, ergonomischen Eigenschaften hinaus: Für mich hat er eine Seele, ist er eine Persönlichkeit.

Wie wird die nächste Generation des Aeron aussehen, sagen wir vielleicht in 20 Jahren?

Ich würde mich sehr freuen und geehrt fühlen, an der nächsten Generation des Aeron wieder mitarbeiten zu dürfen. Natürlich wären wir auch hochzufrieden, wenn der optimierte Aeron einen weiteren Zyklus von 20 Jahren übersteht. Doch mit der schnellen Weiterentwicklung intelligenter Geräte könnte die nächste Generation aus einem Stuhl mit Betriebssystem bestehen.

Dieses ist in der Lage, ähnlich wie ein Smartphone, den Fingerabdruck einer Person zu erkennen und den Stuhl daraufhin automatisch an die indivudellen Körpereigenschaften anzupassen. Ich gehe davon aus, dass eine nächste Generation des Aeron nach wie vor seinen unverwechselbaren Charakter behalten würde. Allerdings würde die Struktur noch feiner und vor allem leichtgewichtiger werden und über ein eigenes „Gehirn“ oder eine sonstige Form der künstlichen Intelligenz verfügen.

Worauf sitzen Sie während der Arbeit am liebsten? 

Ich habe einen klassischen Aeron aus dem Jahr 1995 an meinem Computer und einen neuen, verbesserten Aeron an meinem Schreibtisch.